Attendorner St.-Ursula-Realschule auf dem historischen Jakobuspilgerweg

    „Handelt, seid rührig, glaubt, strengt euch an, vertraut ... und ohne Zweifel werdet ihr
    Wunderbares sehen." Diese Worte der Hl. Angela Merici, der Gründerin der Ursulinen,
    machte sich die St.-Ursula-Realschule in Attendorn zu eigen, als sie 2002 den Plan fasste,
    im Jahre 2004 nach Santiago de Compostela, der drittgrößten christlichen Pilgerstätte nach
    Rom und Jerusalem, zu pilgern. Ein einmaliges, großartiges, mutiges – und wie sicherlich
    mancher gedacht haben wird  – „verrücktes" Unternehmen.

Mit einer ganzen Schule sich auf die Spuren des traditionsreichen Pilgerweges, des Camino, wie er in Spanien heißt, zu begeben? Ein abenteuerliches Unterfangen? Eine nicht zu realisierende Idee, die an den realen Gegebenheiten scheitern wird? Von Attendorn nach Santiago de Compostela mit 600 Schülerinnen und Schülern im Alter von 10 bis 18 Jahren?
Dass eine solche Pilgerfahrt möglich ist, hat ihre Umsetzung gezeigt.
Angewiesen war unsere Schule hierbei auf die Unterstützung aller an der schulischen Arbeit Beteiligten – Lehrerkollegium, Elternschaft, Schülerschaft, Träger der Schule – und der außerschulischen Öffentlichkeit aus dem Bereich der Wirtschaft und Politik .

Idee und Beweggründe

Anlässlich des 50 jährigen Bestehens der Schulform Realschule an den St.-Ursula-Schulen in Attendorn im Jahre 2004 unterbreitete ich dem Lehrerkollegium Anfang 2002 die Idee, mit der gesamten Schulgemeinde nach Santiago de Compostela zu pilgern.

Ein Jubiläum ist im privaten wie im beruflichen Leben immer eine Wegmarke, die dazu einladen kann, innezuhalten, zurückzublicken , aber auch Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln und sich auf einen entsprechenden Weg zu machen. Einen Weg, der unseren Schülerinnen und Schülern eine Lebensperspektive aufzeigen soll im Rahmen unserer christlichen Erziehung.

Zu allen Zeiten und in allen Kulturen sind Menschen aufgebrochen und haben sich auf die Suche nach dem gemacht, was Spuren von Sinn erkennen oder ein Ziel für das eigene Leben erahnen lässt. Es galt, unseren Schülern die Möglichkeit zu bieten, ganz persönliche Erfahrungen in einer Gemeinschaft machen zu lassen, ein einmaliges und vielleicht prägendes Erlebnis zu haben, das sie mitnehmen in ihr zukünftiges Leben.

Das Verantwortungsbewusstsein und das Selbstbewusstsein der Schüler sollte gestärkt werden, die Natur und Kultur der nordspanischen Region kennengelernt und der Camino als ein Weg erfahren werden, der eine Kraft in sich birgt, die alle Zeitströmungen überdauert hat, eingebettet in die historische Dimension des zusammenwachsenden Europas. Letztendlich sollten religiöse Erfahrungen gesammelt werden – in der großen Gemeinschaft und bei jedem Einzelnen - , die vielleicht etwas auslösen und verändern, das sich nicht genauer messen lässt und auch nicht gemessen werden darf.

Planungsgrundlagen

Für ein Vorhaben dieser Größenordnung war die Schaffung von Organisationsstrukturen unerlässlich, um alle Bereiche zu erfassen. So gab es neben einem zentralen Organisationsteam (ZOT) Arbeitsgemeinschaften mit verschiedenen inhaltlichen Schwerpunkten, in denen die Grundlagen, Ideen und Konzepte, um die vor uns liegenden Aufgaben und Probleme zu meistern, erarbeitet wurden, wobei hier in allen Arbeitsgemeinschaften Lehrer, Eltern und Schüler eng zusammenarbeiteten:

So gab es beispielsweise AGs zur inhaltlichen Vorbereitung im Unterricht, zur inhaltlichen Vorbereitung des eigentlichen Pilgerns auf dem Camino, für die Finanzierung, für die Logistik, für die Öffentlichkeitsarbeit. Alle Arbeitsergebnisse flossen im ZOT zusammen, wurden dort aufeinander abgestimmt, die Realisierung der Ideen überprüft und gegebenenfalls mit dem Reiseunternehmen (s. Abschnitt Logistische Planung) abgestimmt.

Inhaltliche Planung

Nachdem die schulischen Gremien dem Vorhaben - fast immer einstimmig - zugestimmt hatten, mussten die inhaltlichen Grundlagen erarbeitet und umgesetzt werden. Was lag näher, als dass sich das Lehrerkollegium auf den Weg machte, um selbst erste „Pilgererfahrungen" zu sammeln auf dem historischen Pilgerweg durch unser Sauerland – der Heidenstraße? So pilgerte das Kollegium über Kirchhundem (Jakobus-Altarbild), Bettinghof auf dem Höhenweg zum Steinernen Kreuz und gelangte dann über „Alpenhaus" nach Schwartmecke, sammelte geschichtliche und spirituelle Erfahrungen, erfuhr, dass durch unsere Region ein bedeutender Pilgerweg nach Santiago de Compostela führte und führt, dass Attendorn im Mittelalter ein Sammelpunkt für Jakobuspilger war.

All diese Erfahrungen flossen dann ein in die unterrichtliche Aufarbeitung und die große Pilgerfahrt nach Santiago wurde so nach und nach Bestandteil des Unterrichtes in fast allen Fächern: Pilgern, seine religiöse Dimension und der Jakobuskult im Religionsunterricht, die historische Dimension im Geschichts- und Politikunterricht, die kultur- und kunstgeschichtliche Dimension im Kunstunterricht, die Flora und Fauna Nordspaniens im Biologieunterricht, die geographischen Begebenheiten im Erdkundeunterricht, Legenden um den Hl. Jakobus im Deutschunterricht, selbst im Technikunterricht wurde der Camino computergesteuert dargestellt, Grundkenntnisse in Spanisch im Fremdsprachenunterricht vermittelt, unter Federführung der Fachschaft Textilgestaltung eine Ausstellung in den Attendorner Geschäften zum Themenbereich „Camino und Spanien" entwickelt, eine große Kunstausstellung mit dem deutschen „Camino-Künstler" Benno Treiber, lebend in Altea (Südspanien), in der Schule durchgeführt. Spanien und der Camino waren somit über ein Jahr lang unterrichtlicher Bestandteil.

 

Logistische Planung

Bei der logistischen Planung machte sich unsere Schule die Erfahrungen des Reiseunternehmens „Höffmann-Reisen" aus Vechta zu eigen, das sich seit vielen Jahren auf Jugendreisen spezialisiert hat. In mehreren Veranstaltungen mit dem Lehrerkollegium, der gesamten Schülerschaft, der Elternschaft und kurz vor Reisebeginn allen zusammen wurden die grundlegenden Dinge besprochen, angefangen von den Reiseutensilien über Verhaltensweisen bis hin zum Zeltaufbau. Wichtig war in diesem Feld natürlich die Zusammenarbeit der AG Logistik mit dem Reiseunternehmen. Je näher der Termin rückte, umso intensiver und detaillierter waren die Planungen in dieser Gruppe:

Aus der Elternschaft wurden Ärzte und Krankenschwestern für die medizinische Betreuung gewonnen, Mütter und Väter erklärten sich bereit, bei der Versorgung mit Essen und Getränken zu helfen – immerhin mussten ca. 700 Personen täglich versorgt werden, Aufbauhelfer und LKW-Fahrer rekrutierten sich aus der Elternschaft, neben den Lehrerinnen und Lehrern wurden weitere pädagogische Betreuer aus der Elternschaft benötigt, Eltern unserer spanischen Mitschüler erklärten sich bereit, als Dolmetscher zu fungieren.

Die Schülerinnen und Schüler wurden Jahrgangsstufen übergreifend unter Auflösung der Klassenverbände in Pilgergruppen (18 bis 24 Mädchen und Jungen je Pilgergruppe, altersgemischt) zusammengefasst, sodass insgesamt 30 Pilgergruppen gebildet wurden mit je zwei verantwortlichen pädagogischen Leitern aus Lehrerkollegium und Elternschaft.

Auf dem Camino 
                                               
                                                                           Am Dienstag nach Pfingsten startete dann die große Pilgerfahrt nach
    Santiago de Compostela. Vom 01.06. bis 09.06. 2004 begaben
    sich 597 Schülerinnen und Schüler (von insgesamt 614!), ca. 100
    Begleitpersonen aus dem Kreis der Elternschaft, Busfahrer und
    Helfer vom Reiseunternehmen Höffmann auf die Spuren des
    Pilgerweges nach Santiagode Compostela wie Millionen vor ihnen.
    Wie bei einer jeden Pilgerfahrt so feierte die Pilgerschar zunächst
    einen Aussendungs-gottesdienst mit Abt Dominicus Meier OSB,
    Abtei Königsmünster Meschede, Dechant Josef Vorderwülbecke,
    Msgr. Roman Mensing (ehemaliger Schulleiter des St.-Ursula- 
    Gymnasiums), dem Schulseelsorger Pastor Michael Lütkevedder, den Patres Karlheinz und Hermann-Josef May vom Redemptoristenorden aus Bonn – unsere Schule unterstützt seit vielen Jahren ein Missionsprojekt des Ordens auf der Insel Sumba in Indonesien - und dem Beauftragten für Schulseelsorge des Erzbistums Paderborn, Pater Georg Becher, auf dem Schulgelände der St.-Ursula-Realschule.

Unter den zahlreichen Gästen waren Politiker vertreten wie Dr. Peter Liese, Abgeordneter des Europa-Parlamentes, Hartmut Schauerte, MdB, Theo Kruse, MdL, der Bürgermeister der Stadt Attendorn Alfons Stumpf. Besonders freuen durfte sich die Pilgerschar über die Anwesenheit des Schirmherrn der Pilgerreise Dr. Joachim Grünewald, MdB a. D. und ehemaliger Staatssekretär, der durch seine unermüdliche Arbeit zum Gelingen der Fahrt beigetragen hatte. Ebenso waren anwesend Vertreter der heimischen Wirtschaft, die durch großzügige Spenden die finanziellen Grundlagen mitgeschaffen hatten.

Dem feierlichen Gottesdienst bei Sonnenschein schloss sich der Pilgersegen an, danach begaben sich alle Pilger und die sie verabschiedenden Eltern unter Begleitung des Schirmherrn und zahlreicher weiterer Gäste auf die erste Etappe des Pilgerweges: Unter Glockengeläut der Attendorner Kirchen und aufmunternden Worten der Attendorner Bevölkerung zog die riesige Pilgerschar vom Schulgelände durch die Innenstadt an der Pfarrkirche vorbei zum Parkplatz Attahöhle. Nachdem alle 15 Pilgerbusse und Leitungsbus/Krankenbus bestiegen, Abschiedstränen vergossen waren, setzte sich unter Polizeigeleit der „Attendorner Pilgertross" Richtung Autobahn in Bewegung, um nach ca. 24 stündiger Busfahrt durch Belgien und Frankreich in Santander, Nordost Spanien, am Atlantik anzukommen.

Ein Vorauskommando des Reiseunternehmens (Küchen-, Kühl-, Vorrats-, Material-LKWs und der sog. Helferbus mit Vätern und Müttern unserer Schule) hatte erste Vorbereitungen getroffen, so dass sich die einzelnen Pilgergruppen nach ihrer Ankunft, mit ersten Getränken und einer kleinen Stärkung versehen, ihre Zweimannzelte aufbauen konnten, bevor sich dann die gesamte Pilgerschar zu einem Gottesdienst an den Atlantikstrand begab.
Anschließend wurde das von der Küchencrew (Eltern und Mitarbeiter Höffmann-Reisen) vorbereitete umfangreiche Abendessen zu sich genommen.

    Am anderen Tag begann dann das eigentliche Pilgern auf dem Camino von Puente
    la Reina – hier laufen die Hauptpilgerwege, aus Frankreich kommend, zusammen -
    bis Santiago de Compostela.
    Diese ca. 730 Kilometer konnte der einzelne Pilger unserer Schule natürlich in der
    zur Verfügung stehenden Zeit nicht bewältigen. So war der „Camino" in 100
    Einzeletappen aufgeteilt worden. Jede Pilgergruppe bewältigte insgesamt drei/vier
    der Einzeletappen, die je nach geographischer Beschaffenheit zwischen 7 und 15
    Kilometern lang waren. Der Bus brachte die Pilgergruppe zum Etappenanfang und
    holte die Pilgergruppe am Etappenende wieder ab, um sie gegen Abend zum
    nächsten Zeltplatz zu bringen, auf dem sich die gesamte Pilgerschar dann wieder
    vereinte.
    Ein „Pilgertag" begann mit einem spirituellen Tageseinstieg, es folgte das sich mit  
    meditativen Elementen und dem Kennen-                    
    lernen von Natur und kulturellen Sehenswürdig-
 keiten und Begegnungen mit anderen Pilgern und den spanischen Einwohnern, einem gemeinsamen abendlichen Tagesausklang nach Abendessen und Disco(ein Höhepunkt war sicherlich der feierliche Gottesdienst abends um 22.00 Uhr in der Kathedrale von Leon). So manchem Schüler be-
gegneten auf seinen Pilgeretappen Inhalte, die er vorher im Unterricht kennen gelernt
hatte.
In logistischer Meisterleistung hatte die Küchencrew am Morgen nach dem Frühstück 
die „Versorgungszentrale" abgebaut, am nächsten Übernachtungsplatz wieder aufge-
baut und alle Vorbereitungen für das leibliche Wohl der eintreffenden Pilger getroffen.
Als Beispiel sei angeführt, dass jeden Morgen jeder Pilger (700!) frische Brötchen
zum  Frühstück und für das Lunchpaket bekam.
Neben Santander wurden Campingplätze in León und Burgos angefahren, bis dann
vor Santiago auf dem Monte de Gozo – eine große Anlage mit Unterkünften für Pilger
 – feste Unterkünfte bezogen wurden. Am Ende hatte zwar der einzelne Schüler nur
Etappen des Camino bewältigt, die Schule als Ganzes aber war den gesamten Camino von Puente la Reina bis Santiago de Compostela gepilgert. Erstaunen über diese Pilgerfahrt gab es nicht nur bei den Spaniern, denen wir unterwegs begegneten, auch das örtliche Fernsehen von León berichtete über uns und die Tageszeitung Diario de León
widmete unserem Unternehmen „Pilgerfahrt einer ganzen Schule" eine ganze Seite mit der Schlagzeile „Una invasión
germánica muy pacífica".

                                   

                                                              

 

 

 

                    Beim Essen                                                                        Gottesdienst am Strand von Santander
                                                                                             

                   

       

                                                                      

 


    

Beim Zeltaufbau

 

                                                                                         Vor der Kathedrale

 

Die letzte Etappe vom Monte de Gozo bis zur Kathedrale von Santiago de Compostela durch die Straßen von Santiago ging dann die Schulgemeinschaft gemeinsam. Es war ein ergreifender und feierlicher Augenblick, als die 700 Pilgerinnen und Pilger in Santiago einmarschierten und einen eigenen Gottesdienst in der ehrwürdigen Kathedrale gemeinsam mit Herrn Prälat Ahrens, Leiter Hauptabteilung Schule und Erziehung im EGV Paderborn, feiern konnte. Die Strapazen von unterwegs – lange Busfahrt, pilgern bei sengender Hitze, die Unbequemlichkeiten der Zeltübernachtung – waren vergessen: Das große Ziel war erreicht, unsere Schule war nach Santiago gepilgert. „Aufbrechen und Ankommen" , wie der Titel des eigens herausgegebenen Pilgerbuches lautet, waren Wirklichkeit geworden.

Nach einem freien Tag begann dann die lange Rückreise nach Attendorn. In Dankbarkeit lässt sich sagen, dass alle 700 Pilgerinnen und Pilger am Mittwochnachmittag vor Fronleichnam wieder in Attendorn in freudiger Erwartung der Eltern angekommen sind.

Fazit

Eigens für die Pilgerfahrt war ein Etappenbuch mit detaillierter Beschreibung der einzelnen Etappen , geschichtlichem, kulturellem, kunsthistorischem Hintergrund des Camino herausgegeben und jedem Teilnehmer zur Verfügung gestellt worden.. Bleibt nur dieses gebundene Etappenbuch? Ich glaube, es ist mehr „gebunden" worden, die jungen Menschen sind ein Stück mehr eingebunden in unsere Geschichte und Tradition, sie sind aber auch welterfahrener geworden, offener, freier. Sie haben Gemeinschaft erlebt in ihrer Pilgergruppe und der großen Schulgemeinschaft und Verantwortung für sich selbst und den anderen übernommen. Zumindest haben sie eine wesentliche Lebenserfahrung gemacht: Ich muss aufbrechen, wenn ich ankommen will, ein Ziel ist nur über einen Weg zu erreichen, die Umsetzung einer Idee erfordert alle meine Kraft. Aber es lohnt sich, aufzubrechen und anzukommen!

Georg Geers, Realschulrektor